Irritationen: Warum ich so male, wie ich male.

    

Dies ist ein kurzer Text mit einer langen Einleitung.

Per Zufall bin ich kürzlich auf meine längst vergessenen   „Thesen zur Kunst der Gegenwart“  gestoßen und musste  mit leichtem Bedauern feststellen, dass das Papier inzwischen ziemlich alt aussieht. Es trug einst den schönen Titel „Trend und Avantgarde“ und  gipfelte in der Behauptung, dass  Trend & Avantgarde  abso­lute Gegensätze seien: Der Trend seicht, oberflächlich und populär, die Avantgarde verkannt, verbohrt, gedankenschwer und von der breiten Masse abgelehnt :„ Während die Massen dem trendy trash    nachlaufen,“meinte ich damals, „kämpft der Avantgardist für eine neue Kunst und ein neues Publikum.“  Doch das ist lange her! Wenn ich an so populäre  Künstler wie Jeff Koons und Damien Hirst denke, muss ich  zugeben , dass heute der Trend unbestritten auch zugleich die  Avantgarde ist.

Clown Attack

Diese wunderbare Verwandlung der Avantgarde in Trend  passt hervorragend zu der Entlarvung der romantischen Legende vom verkannten armen Genie, das in der billigen Mansarde haust und Meisterwerke schafft.  Seit  die spätmodernen Ausnahmekünstler Beuys und Warhol den Kunstbegriff so lange erweitert haben, bis nichts mehr von ihm übrig war, weiß man ohnehin  nicht mehr so genau, was Kunst und Künstler sind. Ist  wirklich jedermann ein Künstler (und kein Fußball) und jede Suppendose Kunst? Ein Kritiker schrieb neulich anläßlich der großen Beuys-Retrospektive in Berlin, dass es sich bei der landläufigen Auslegung der nun schon klassischen Dikten um grobfahrlässige Missverständnisse handele. Joseph Beuys habe natürlich nicht Fritzchen  Schulz zum neuen Michelangelo erklären wollen, sondern „an die revolutionäre Kraft der Kunst geglaubt und auch jedem Menschen eine schöpferische Kraft als Künstler zugestanden“  - was entweder banal oder ziemlicher Blödsinn wäre!  „Jedermann ein Schwachkopf“ oder „Jedermann ein Philosoph“  könnte man mit gleichem Fug und Recht behaupten ! Tut man aus naheliegenden Gründen aber nicht.

 In meinem alten  Papier habe ich,  bezogen auf den bierernsten  Possenreißer  Beuys und  Glamour-Fetischist Warhol,  noch eine weitere böse These gefunden: „ Beuys und Warhol haben die Kunst erfolgreich mystifiziert, trivialisiert und kommerzialisiert“- ein schöner Aphorismus, der schwer  zu widerlegen ist , nicht wahr?

 Schon lange habe ich das Gefühl, dass  die so genannte Spätmoderne, bei wenigen Ausnahmen, im Laufe der Jahrzehnte  immer abgehobener und inhaltsleerer wurde und die selbst ernannte, viel belächelte Post-Moderne  weiter zäh an der Klassischen Moderne klebte, ohne sich von ihr je   richtig  freimachen zu können, und dass die  Schere zwischen trivial und elitär  sich immer weiter  öffne.

 Will eigentlich nur sagen: bei der hier skizzierten Lage, ist es für den sensiblen Künstler gar nicht einfach, eine überzeugende Arbeitsperspektive zu finden, ohne sich in Zweifeln und Skrupeln heillos zu verstricken.

Es sei denn, er springt kurz entschlossen auf den fahrenden Zug und sucht sich den passenden Trend.

 


La chute des artistes contemporains

Aber das ist aus vielen Gründen nicht so einfach: für mich z.B., weil ich den Eindruck habe, dass keiner dieser Trends zu mir passt  und sie für die Kunst eher zweifelhafte Perspektiven bieten. Nehmen wir als willkürliches Beispiel  die Installateure mit ihren Installationen (über Konzept-, Foto-, Performance-  und sonstige Trend-Kunst will ich mich  hier nicht weiter äußern).

 Installationen im Allgemeinen, Video-Installationen im Besonderen empfand ich meist bis auf ganz wenige Ausnahmen als Ärgernisse. Ich denke vornehmlich an die vorübergehend äußerst beliebten, heute schon fast wieder  obsoleten Black-Box- Amateur­kinos, in denen zwei bis drei Videos  -oft in Endlosschleife – gleichzeitig abspulten. Die Mehrzahl war zwar voller guter Absichten und hoher Ansprüche, aber in der Regel äußerst dilettantisch gemacht. Obwohl recht sperrig , wa­ren sie einige Zeit  ausgesprochen trendy. Aber langfristig  - wenn man zwei Jahrzehnte als langfristig bezeichnen kann - erwies sich das Medium  offenbar als viel zu schwerfällig, um Kunst zu werden. Vor allem hinkt es guten, professionell gemachten Filmen, oft auch Werbefilmen und den hübschen  Popmusik-Clips, ästhetisch hinterher und verbreitet reichlich Langeweile. Warhols zerdehnte „Reality Shows“  - nicht im eigentlichen Sinne Installationen, aber auch keine Spielfilme - sind hierfür gutes Anschauungsmaterial (sie haben den Charme einer Überwachungskamera– wenn auch nicht deren Authentizität!).

 Verschiedene Techniken bieten verschiedene Zugänge zu den Motiven, Stoffen und Anliegen. Bei den Video-Installationen befällt mich immer wieder der Eindruck, es handle sich im Grunde um eine Art Eskapismus.

Müßig, zu fragen: Ließe sich das gleiche Anliegen nicht mit einem anderen Medium weit konsistenter, ästhetisch überzeugender und letztlich als Kunstwerk qualitativ hochwertiger ausdrücken? Die  moderne Technik  suggeriert fälsch­lich Aktualität (Trendiness), die in der Verarbeitung des Stoffs gar nicht vorhanden ist. Man denke nur an die einfältigen TV-Skulpturen von Nam June Paik, dem   „Pionier der Videokunst“!

Die gesteigerte Aufmerksamkeit der Medien für Kunst und Künstler bleibt nicht ohne Folgen, nämlich indem der öffentliche Kunstbetrieb sich auf die in den Medien gesetzten und verbreiteten Trends aus­richtet und die  Eventkultur pflegt. (Im Grunde ist mir  das verkannte Genie in der Mansarde viel sympathischer als der Trendsetter mit der Sektflasche!) Heutzutage findet sich immer ein beflissener Kritiker, der auch den erbärmlichsten intellektuellen Furz  zu einem Kunstwerk erklärt! Und damit wären wir wieder bei unserem Ausgangspunkt angelangt: Danke liebe Trendsetter, danke liebe Kritiker, Kunstsammler und Kuratoren, danke liebes Kunst-Establishment! Hätten wir euch nicht, gäb's keine Pickled Sharks und keine vergoldeten Michael Jacksons mit Bubbles oder Mega-Puppies -  fürchte ich !                                                


WARUM ICH  MALE, WIE ICH MALE

 

Am leichtesten fällt mir zu sagen, was ich nicht machen will. Fast alle bildhauerischen Objekte und Bastelarbeiten  gehören dazu. Sie sind mir fremd und ein bisschen unheimlich. Film- und Fotoarbeiten überlasse ich Filmregisseuren und professionellen Fotografen. Das Sammeln von handelsüblichen Nippesfigürchen und  deren Arrangement ist eher etwas für kindliche Gemüter. Das Einsortieren von Devotionalien und nützlichem Kram in Regale oder Stellagen á la Hirst und Trockel ist mir nicht nur zu pedantisch, sondern ist obendrein noch äußerst  albern. Ich würde auch keine Reihenhäuser zersägen oder Monumente einwickeln. Vor allem würde ich vermeiden, intellek­tuelles Witzereißen mit Kunst zu verwechseln. Dadaismus, ins 21. Jahrhundert verpflanzt, wirkt merkwürdig deplaciert, wie prätentiöse Witze, über man nicht  lachen kann.

Wenn ich an die Malkunst im engeren Sinne denke, dann würde ich zum Beispiel Formate über zwei Meter und  den Blowup-Effekt bei Menschendarstellungen vermeiden. Material-Assemblagen
auf  Leinwand, die bei Picasso noch so eindrucksvoll waren, würde ich nicht mehr bemühen wollen. Rein aus subjektiv ästhetischen Gründen.

Ich würde  versuchen, meinen Bildern relativ schnörkellos einen erkennbaren Inhalt zu geben, was bedeutet, dass ich z.B. alle Abstraktionen, die es in den letzten 50 Jahren gegeben hat, nicht für nachahmenswert halte. Besonders irritieren mich dekorative Werke, die das Informell der 50er Jahre wiederaufleben lassen, neuere Farbfeldversuche oder die Inflation schwarzer und weißer Quadrate – das alles kommt mir heute fast so obsolet vor wie die Salonmalerei des 19. Jahrhunderts!

Schließlich scheinen mir auch Graffittis und Comics wenig geeignet, die Tafelmalerei zu berei­chern. Abgesehen davon, dass die Straßengraffittis selten in eine Galerie verpflanzbar sind, ohne ihren Reiz zu verlieren! Mit auf  Leinwand projizierten Comics hat Lichtenstein in den 60ern   großartige   Kunst gemacht – aber schon seine eigenen  späten Wiederholungen oder etwa  Nachahmungen á la Polke sind mir zu leblos und ästhetisch uninteressant, um Vorbild zu sein.

In letzter Zeit habe ich „Stadtansichten“ gemalt . Es hat mir  Spaß gemacht, Menschen und Szenen in ein real existierendes Umfeld zu setzten: z.B. eine groteske Prügelei von einem Videoclip der Arctic Monkeys vor den Hamburger Bahnhof in Berlin zu platzieren und das Ganze dann „Clown Attack“ zu nennen.  Ich musste erkennen, dass die etwas skurrile Gegenüberstellung  erstaunliche Darstellungs- und Deutungsmöglichkeiten eröffnete . Denn wenn  etwas Besonderes an meinen Bildern ist, so sind das ihre Inhalte. Es  ist ja weniger der Stil der medial tradtionellen Öl-auf-Leinwand-Stücke, die recht brav, manchmal  auch etwas dilettantisch daherkommen - sie wirken eher  unspektakulär und leise.

Die trendige Spaßkunst dagegen liebt die Knalleffekte. Sie hat für mich etwas zugleich   Überflüssiges und Triviales. Selbst ihr Unerhaltungswert ist begrenzt. Sie verpufft, sobald sie nicht als EVENT inszeniert wird, da ihr künstlerischer Gehalt meist  sehr bescheiden ist. Kippenbergers gekreuzigter Frosch hat  scheinbar gerade  den Gegenbeweis angetreten, ist aber als absoluter Einzel(Zu)fall nicht verallgemeinerbar.

Es ist eine Binsenweisheit :  größere  Meister haben weder „Markenzeichen“ nach aktuellem Muster noch provozierende Effekte nötig, da ihr Genie sie heraushebt und unverwechselbar macht. Bei den kleineren sieht das naturgemäß ganz anders aus, nicht wahr? 

Der langen Rede kurzer Sinn: Was zur Zeit im Kunstbetrieb „in“ ist, kann oder mag ich nicht mit­machen. Ismen verflossener Zeiten würde ich nicht aufnehmen wollen. Scherzartikel und Bastelarbeiten als Kunstobjekte zu deklarieren, widerstrebt mir ebenso wie  die Kunsthaftigkeit von Amateurvideos und erbärmlichen Fotografien anzuerkennen.

 Summa summarum: Ich kann gar nicht anders malen, als ich es tue.

 

[Keine Beschreibung eingegeben]
Im Restaurant (2008)

 

P.S. ... do me a favour, don't fool yourself and think this is 'art'. 'kay ?
           it's a sick fucking joke, but it is not 'art'.