Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Produzierbarkeit ( The Great Art Shambles)

Mechanische Kunstwerkproduktion .ist eigentlich seit Warhols Siebdruck-Bildern ein alter Hut. Die fotomechanische Reproduktionstechnik  machts möglich. Dass Jeff Koons Skulpturen in einschlägigen Werkstätten herstellen lässt, dient ebenso der schnellen Geldvermehrung wie die Warholsche mechanische Bilderproduktion. Anlässlich einer Londoner Auktion, auf der das schöne Bild „Paris Bar“ für 2,5 Millionen Euro versteigert wurde, ging eine interessante – anscheinend längst bekannte – rührende Geschichte durch die Medien: Der Ausnahmekünstler Martin Kippenberger hat besagtes Bild seinerzeit bei einem Berliner Plakatmaler in Auftrag gegeben (der hat inzwischen sogar eine weitere  Kopie hergestellt). Für ganze 1000 DM . Da stellt sich  die Frage, wieso  dieses Bild heute 2,5 Mio Euro wert ist. Und: Ist es überhaupt ein Bild von Kippenberger? Erinnert sei  an den Kurssturz von Rembrandts „Mann mit dem Goldhelm“, als der als nicht mehr eigenhändiges Werk des Meisters enttarnt wurde. Dabei ist das Bild heute nicht weniger ansehnlich als zuvor.

Andererseits scheint  der Magen der heutigen Kunstmarktes recht robust geworden zu sein. Hat er doch ohne große Debatte, nachdem Damien Hirsts „Pickled Shark“ verfault war, diesen anstandslos durch eine Kopie ersetzen lassen - ohne Wertverlust (das Konzept ist das Wesentliche - nicht die Ausführung). Auch die in den 60er Jahren massenhaft  als Remakes auf den Markt geworfenen Dada-Devotionalien – wie Duchamps Einrad z.B. -  werden heute großzügig gleichzeitig in vielen namhaften Museen als „Inkunabeln der modernen Kunst“ vorgeführt als wären's einzigartige Wunderwerke. Dabei ließen sie sich mühelos in tausendfacher Ausführung  für den Massenkonsum herstellen. Und wie wär's mit ein paar Mona Lisa Kopien oder gar einer begrenzten Neuauflage der Nofretete ?

Das alles wie auch ein auf den Kopf gestelltes Fernsehmagazin braucht einen nicht weiter nachdenklich stimmen in Hinblick auf die Frage „Was ist Kunst?“ . Seit Warhol und Beuys wissen wir, alles ist Kunst . Man muss es nur mit den richtigen Augen an den richtigen Orten sehen.   Verwunderlich nur, dass die Künstler nicht gegen die Abwertung ihres Tuns auf die Barrikaden gehen. Aber vielleicht gibt es seit geraumer Zeit gar keine Künstler  mehr! Oder die Preise erlauben keine Widerspruch! Dass Martin Kippenberger seinen Frosch von einem Innsbrucker Herrgottschnitzer (!) herstellen ließ, kann bei dieser Sachlage nicht sonderlich verwundern. Und was noch erstaunlicher ist: Es ist durchaus etwas Großes entstanden. Wenn in der Berliner Flick - Collection der Frosch  der Installation "Mit den Füßen voran" gegenüber hängt (mit den Piktogrammen des Gehängten , des Schlafenden und der zerbrochenen Vase im amschließenden Saal), steht man vor einer beeindruckenden nihilistischen Todesallegorie.

In der Auguststraße gibt es eine Galerie, die stellt mechanisch gefertigte Bilder aus. Und zwar hat der Galerist eine Methode entwickelt, Fotovorlagen mittels einer Maschine in Leinwandbilder (Öl) umzuwandeln. Was für dekorative gegenständliche Bilder sorgt – die allerdings eher weniger sind denn mehr (bezogen auf die Vorlage). Auch deutlich weniger, als die peniblen Bemühungen der Fotorealisten zuwege bringen. Ein blasser Abklatsch der Warhol-Methode.

Wenn wir Originalität bzw. Einmaligkeit oder Eigenhändigkeit nicht als Kriterien gelten lassen – und das liegt im Zeitalter der technischen Produzierbarkeit des Kunstwerks ja nahe, dann sollten wir auch aufhören zu fragen, ob etwas ein Kunstwerk ist oder nicht. Die Frage lautet  heute nicht „Ist das (etwa) Kunst?“, sie lautet „Was für Kunst ist das?“. Und da fällt das Antworten nicht nur leicht, es fällt auch je nach Betrachter meist unterschiedlich aus. Was ist eine fleißige Bastelarbeit, bloßes Handwerk oder Design? und wo beginnt das Kunstwerk !

Abweichend vom derzeitigen Konsens glaube ich weder den Satz, dass alles Kunst sein könnte, noch dass alles zur Kunst wird, wenn es nur im Museum gezeigt wird.  Unbestritten bestraft der Kunstmarkt jede Aberkennung eines Werks mit hohen Wertverlusten. Die historische Werkstattarbeit ist immer nur einen Bruchteil des Meister-Werks wert. Trotz aller Vorbehalte gegen die Marktgesetze – und vorrangig gegen Kunstmarkt-Gesetze – ist die unterschiedliche Wertschätzung nicht unbegründet. Ein großes Kunstwerk ist immer unverwechselbarer  Ausdruck seines Schöpfers, des Künstlers, der es gefertigt hat, und unabdingbarer Teil seiner Künstlerpersönlichkeit. Als Massenprodukt verliert es zwangsläufig seine Aura. Man stelle sich vor, van Goghs Werke würden in einer Werkstatt von angestellten Kunststudenten nach Weisung des Meisters gemalt! Jeweils in mehrfacher Ausfertigung.

                                                                                                       Contemporary theatere performance

                                                                                                                                   Theater III (8 better than 1),2009

  Oder umgekehrt: Man betrachte die Werke der großen Kunst-Werkstätten der  Cranachs bzw. die besonders effiziente von Peter Paul Rubens. Von dem Punkt an, an dem die Produktivität im Vordergrund und der Meister sozusagen als Produktionsleiter  eher im Hintergrund agiert, kann es nicht ausbleiben, dass der künstlerische Gehalt der Werke und somit auch ihr Wert   darunter leidet. Selbst wenn das Markenzeichen, sprich der Stil der Werkstatt, erkennbar bleibt, das Werk wird zum Handwerksprodukt degradiert und damit zu Kunsthandwerk oder Design – beides Sparten, die nicht mit einfachen, schlichten Kunstwerken verwechselt werden dürfen. Ein Werbeplakat kann von allerhöchster Qualität sein, ohne deshalb gleich zum Kunstwerk zu werden. (Eher umgekehrt: wenn Warhol z.B. primitive Werbeanzeigen in Öl auf Leinwand   - manuell – abkonterfeit, gefällt mir das besser als seine  schicken Siebdruck-Bilder.)

Und was die modernen Produktionsstätten eines Hirst, Koons oder auch Warhol betrifft  – nach dem eben Gesagten liegt die Hypothese nahe, dass bei dieser lukrativen Arbeitsweise die so entstandenen Werke zwangsweise sich durch eine gewisse  intellektuellen Dürftigkeit auszeichnen müssten ! Was die These von der Mittelmäßigkeit aktuellen Kunstgebarens (trotz hoher Preise)  bestätigten würde! Wie  Kippenbergers  Frosch und seine hübsche Parisbar zeigen, kann die  Authentizitätshypothese aber durchaus auch relativiert werden!