Zwei Allegorien

Peter und DorothyMit den Allegorien ist das so eine Sache. Chronologisch gehören sie eigentlich ins 17. Jahrhundert oder gar ins Mittelalter und ikonographisch gibt es zudem noch das Erkennungsproblem. Ich spreche nicht von den Allerweltsallegorien wie der Gerechtigkeit mit den verbundenen Augen, ihrem Racheschwert und der Waage der Gerechtigkeit. Ich meine mehr die nicht gleich erkennbaren Allegorien, wie die von Krieg und Frieden z.B. Die beiden im Folgenden Beschriebenen gehören zu dieser Sorte. Nicht nur, dass man nicht auf Anhieb sagen kann: Aha, das ist eine Allegorie der Malerei, nein, sie spiegeln obendrein noch eine verzwick-te Entstehungsgeschichte, die gewisse Unzulänglichkeiten erklären muss. Etwa "Dorothy und Peter", das einem Altarflügel des mittelalterlichen Meisters des Bartholomäusaltars nachempfunden ist.

Dorothy ist eine junge Frau, deren Schönheit Peter ganz offensichtlich aus der Fassung bringt. Als er aus dem mit vier Meisterwerken abendländi-scher Malerei dekorierten Haus tritt, entgleiten ihm nicht nur Schlüssel und Brille, sondern auch alle die heiligen Schriften, die er bei sich trägt. Anzunehmen, dass es sich in unserem Fall um Albertis Büchlein über die Zentralperspektive, Leonardos Traktat und Kandinskys Geistiges in der Kunst handelt...

Die Frucht, die Dorothy statt der ursprünglichen Blume in der rechten Hand hält, ist eine Erdbeere. Erdbeeren sind in der mittelalterlichen Bildersprache die Speise der Seligen, wodurch ein Link zum Paradies gesetzt wird. Auch lässt sich der Storch, dessen symbolische Bedeutung besonders albern ist, kaum übersehen. Vielleicht kann man ihn als ein Geschöpf durchgehen lassen, das Kreativität im Allgemeinen symbolisiert. Hauptsächlich steht er jedoch in der linken Bildecke, weil er so gut hineinpasst, und wegen meiner Neigung, meinen Bildern, wo möglich, das eine oder andere Tier beizugeben.

Während auf der Vorlage Dorothys modische Schuhe einen reizvollen Kontrast zu Petri plumpen Füßen bilden, haben wir in unserer Fassung uns zwar bemüht, die Schuherotik beizubehalten, den Kontrast aber mehr auf den Altersunterschied der beiden konzentriert. Petrus’ Rolle in der Heiligen Geschichte war ja immer die des poltrigen Draufgängers, der seinem Gegner schon ‘mal ein Ohr abhieb. Hier wird er von der Schönheit der jungen Frau allerdings völlig entwaffnet, was heißen könnte, dass der alte Haudegen vor dem lebenden Kunstwerk kapituliert..

Man unterliegt leicht der Versuchung Parallelen und Bedeutsamkeiten überzubewerten. Diese Gefahr ist weit geringer im Fall der “Frau vor einem Spiegel”, da es sich um eine besonders schlichte und leicht fassbare Komposition handelt. Die ursprünglich intendierte Bezugnahme auf den großen Action Painter Jackson Pollock wurde leider im Laufe des Malprozesses pollocketwas verwässert und dadurch immer weniger erkennbar: Zunächst habe ich aus kompositorischen Gründen die Vorlage vom Breit- zum Hochformat umgedreht, und dann störten die vielen weißen Flecke, die dank der angewandten Tropftechnik des Meisters durch die durchscheinende nackte Leinwand entstanden waren, aber bei dem zur Tapete umfunktionierten Werk einfach zu unruhig hinter der vor dem Spiegel stehenden schönen Frau wirkten.

Ein Kinderspiel, die Bedeutung der weiteren Requisiten in dem Bild herauszufinden: Dass das Spiegelbild auf einer Staffelei im Atelier steht, Pinsel und Malmittel zu sehen sind und obendrein noch eine Kamera auf dem Tisch liegt, ist eigentlich des Guten zuviel. Und wenn wir das Tapetenmuster als Manifestation des befreiten Nichts ansehen wollen, so haben wir einen bedeutungsvollen intellektuellen Rahmen für die Idylle gefunden.

Die Schönheit der jungen Frau in einem kleinen Bild festzuhalten, ist im Grunde das einzige Anliegen. Und offenbar ist es schon schwer genug, das zu erreichen. Gegen die Konkurrenz von Spiegel und Kamera hat der Maler nur geringe Chancen, besonders in so spröden Zeiten wie den heutigen.

Aktstudie
Aktstudien, Bleistiftzeichnung