MITTELMASS
oder Wie man die Postmoderne seinen Kindern erklärt

Wenn man im Internet eine Suchmaschine auf den Begriff ‘Post Modernism’ ansetzt, erhält man in Sekundenschnelle mehr als 50.000 Einträge. Und wenn man in einem Künstlerverzeichnis, z.B. dem Open Directory Project, unter ‘Arts>Visual Arts>Painting>Painters>Post Modernism’ sucht, so findet man ein Dutzend Webseiten, die sich unmöglich auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen.

Nun ist inzwischen bekannt, dass das www zu einem großen Teil Spielwiese und Müllhalde in einem ist, so dass man die konträren Auskünfte zur Postmoder-ne mit einem Achselzucken als den üblichen “Internet-Müll” abtun könnte. Aber das Ergebnis enthält doch einen wahren Kern. Es zeigt die heillose Verwirrung, die der Begriff “postmodern” gestiftet hat.

sterbendes Pferd
Sterbendes Pferd, Oel auf Leinwand

 

Genau genommen haben wir es mit einer ganzen Wortfamilie zu tun zu tun: modern, modernistisch und postmodern. Landläufig ist “modern” der Gegensatz von “unmodern” in der Bedeutung von” altmodisch” oder “veraltet”. Das geht in Ordnung, fatal ist nur die leichtgfertige Verwendung im fachbezogenen Kunst-Jargon. Wenn z.B. jemand von “moderner” Kunst spricht, verbindet er damit gleichzeitig eine Wertung. So wird abstrakte Kunst heute noch unbesehen als “modern” bezeichnet, obwohl es sich doch um eine sehr betagte Dame handelt. Informel – als Beispiel - war in den 50er Jahren avantgardistische, revolutionäre Kunst, die etwas Befreiendes hatte, besonders für uns Deutsche nach der Barbarei des Faschismus, aber auch allgemein als Gegenentwurf zum Kleinkarierten und Beschränkten. Heute in einer Zeit, in der es fast keine Tabus und moralischen Skrupel mehr zu geben scheint, ist das Avantgardistische dieser Malerei nicht mehr vorhanden, das heutige Informel verkommt zum geschmäcklerischen Dekor. Annähernd das Gleiche gilt für alle Spielarten des Neo- Konstruktivismus. Modern? Nicht im entferntesten. Reine Nostalgie! Die Einführung des Begriffs “Postmoderne” stellt offenbar den Versuch dar, den wabernden Modernismus von ehedem in die Schranken zu weisen. Und mit “modernistisch” bezeichnet man am ehesten den Tatbestand, dass etwas, was einmal modern war, fleißig weiter gemacht wird, man könnte es auch schlicht “epigonal” nennen.

Der Architekt und Kritiker Charles Jencks hat zuätzlich noch den Begriff ‘late modernist’ eingeführt, sozusagen ‘spätmodern’ – eine Art Kampfbegriff, was J. allerdings nicht wahrhaben will , da er bei aller Wertschätzung der Postmoderne für einen Pluralismus der Stile eintritt. Über Postmoderne ist so viel geschrieben worden, dass wir uns eine weitere Definition sparen. Eine anschauliche Materialiensammlung aus den Bereichen Bildende Kunst und Architektur bietet Jencks’ Standardwerk Post-Modernism. The New Classicism in Art and Architecture aus den 80er Jahren.

Nachdem die “Moderne” sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts schon so lange mehr recht als schlecht dahinschleppt und nachdem auch die Abgrenzung “Klassische Moderne” von der jeweiligen Gegenwartsmoderne nur eine unerhebliche Zäsur zu bezeichnen scheint , wurde in den 70er Jahren der Begriff “Postmoderne” bemüht, um endlich – Gottseidank! - einen Schlusspunkt zu setzen. Freilich stellte sich sehr schnell heraus, dass ein Begriff allein dafür nicht ausreichte!

In der Architektur wurde das Neue am spektakulärsten sichtbar, und die “ Modernisten”, denen Schnörkel und Arabesken ein Graus sind, waren schnell mit seiner Verdammung bei der Hand, wenn ein Architekt es wagte, Stilelemente, wie Säulen, Simse, Rundbogen, Dachdauben etc. einzusetzen. Genau hier begann die Sprachverwirrung. War derjenige, der die mehr als ein halbes Jahrhundert gültigen Dogmen der Moderne brach, der Avantgardist oder derjenige, der sich an die Spielregeln des betagten Modernismus hielt? Um zu unterstreichen, dass es nun etwas Neueres als die Moderne gab, wurde versuchsweise der Notbegriff “post-modern” verwendet – zunächst weniger von Seiten der Kunstkritik, da bereits von der Philosophie belegt. Künstler und Architekten haben das Etikett eher mit einem Naserümpfen bedacht.

frauen
Frauen mit Kind und Seele,
Oel auf Holz

 

Eines der auffälligsten Merkmale dieser Postmoderne ist der Rückgriff auf die Vergangenheit (‘a return to the past as much as a movement forward’ nach Jencks). Seit den achtziger Jahren hat nämlich eine Flut von Zitaten und Reminiszenzen früherer Epochen Literatur, Kunst und Architektur überschwemmt, ein Vorgang der konstitutiv für die Postmoderne wurde. Es drückt sich darin vermutlich die Sehnsucht nach Kontinuität und solider Bodenhaftung aus, die die Klassische Moderne so rigoros gekappt hatte. Ähnlich wie sich in dem gründlich misslungenen Unternehmen Pop die Sehnsucht nach Popularität und Zustimmung ausgedrückt hat, welche durch die immer abgehobenere Sprache der Spät-Moderne nicht mehr zu erreichen war.

Der Begriff “postmodern” ist kein Stilbegriff, sondern eine Hilfskonstruktion. Die Postmoderne besteht aus einem “Meer von Stilen” hat Jencks festgestellt. Und “postmodern” heißt sicher nicht, in kitschigen Historismus zu verfallen. “Postmodern” ist ein Interimsbegriff, der, obwohl seine Kritiker ihn schon bei seiner Entstehung für obsolet erklärt haben, immer noch seiner Ablösung harrt.

Die Modernisten des 20. Jahrhunderts haben sich nie entscheidend von ihren Vorläufern freimachen können. Zu übermächtig waren die Wellenschläge der Klassischen Moderne. Insofern ist die Bezeichnung trotz Jencks’ gegenteiliger Beteuerung eine abwertende, die das Epigonale des Modernismus betont. Dass dieser Epoche, der politisch das ganze Elend des 20.Jahrhunderts anhaftet, vom Faschismus über den Zweiten Weltkrieg bis zum Kalten Krieg, dass dieser Zeit die ganz großen Künstlerpersönlichkeiten fehlten, scheint nicht weiter verwunderlich.

Eher ist es verwunderlich, welcher gestiegenen Wertschätzung von Fachwelt und Publikum sich die “Kunst seit 1960” heute erfreut. Im Unterschied zum Schock des Neuen am Anfang des Jahrhunderts, ist ein solcher Schock in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ausgeblieben. Nicht nur, weil man schon allerhand gewohnt war: im Unterschied zur Avantgarde von ehedem, die ein Anliegen hatte, verpuffen die hektischen Bemühungen der Video-, Installations- und Malkünstler der Gegenwart weitgehend wirkungslos wie aufgeblasene Eitelkeiten im Niemandsland der Beliebigkeit.

Die postmodernen Künstler der 80er Jahre haben zwar, den Willen zu einem Neuanfang gezeigt, aber viel mehr, als diesen Willen zu konstatieren, ist ihnen auch nicht eingefallen. Nehmen wir ein wenig spektakuläres Werk aus dem Besitz der Tate Gallery in London als Beispiel für die Begrenztheit der Postmoderne: “Have a Nice Day, Mr Hockney” von Peter Blake vom Anfang der 80er Jahre. Ein hübsches Bild, das sich an Courbets Bonjour M. Courbet, das B. wahrscheinlich 1978 in der großen Courbet-Ausstellung der Royal Academy gesehen hat, anlehnt. Zweifelsfrei ist es ein exemplarisches Werk der Postmoderne, aber es ist genauso zweifelsfrei kein Neuanfang, eher ein misslungener Befreiungsversuch. Es ist ein schönes Bild, ein zeitgemäßes Bild – aber irgendwie ist trotz der Inline-Skater und der Hockney-Anspielungen letztlich Courbet lebendiger, kraftvoller und authentischer und damit auch aktueller. Das Problem der Postmoderne ist ihr Mangel an Eigenständigkeit, d.h. ihre Abhängigkeit von Vorbildern – und damit wird sie den Spät-Modernen doch wieder wesensverwandt.

 

exaltiertes paar
Exaltiertes Paar, Federzeichnung

In den 60er und 70er Jahren haben wir es mit auffällig vielen angeblich endgültigen Endpunkten und so gut wie keinen Anfängen zu tun. Ob das Ende des Tafelbildes, das Ende der Tragödie, das Ende des Romans oder das Ende der Schönen Literatur ausgerufen wurde, die Ursachen für diese Endzeitstimmung waren immer die gleichen: es gab einfach keine überzeugenden Beispiele, die das Gegenteil bewiesen hätten. Boshafte Kritker könnten behaupten: das Mittelmaß war das Maß aller Dinge geworden.

Um Missverständnissen vorzubeugen: meine Kritk basiert nicht auf einem beschaulichen Blick zurück und dem Wunsch, Vergangenes wieder aufleben zu lassen. Ganz im Gegenteil! Bei der letztjährigen Verleihung des Turner-Preises in London ist etwas gesagt worden, was ich nie so pointiert hätte ausdrücken können und wo ich meine, dass es exakt meiner Auffassung von der Wahrheit in der Malerei entspricht: “I want to support”, sagte die populäre Künstlerin, die den Scheck an einen minimalistischen Einfaltspinsel zu überreichen hatte, “I want to support artists who have something to say and the balls to say it!” - “Ich schätze Künstler, die etwas zu sagen und auch die Potenz haben, das in ihrer Kunst auszudrücken.” Damit hatte sie in ihrer unverblümten Direktheit nicht nur das Dilemma der Gegenwartskunst auf den Punkt gebracht, sondern auch ein fatales Dogma der Altmoderne, den Primat der Form über den Inhalt, über den Haufen geworfen. Ein geradezu revolutionäres Statement, wenn man bedenkt, wie wenig Gegenwartskünstler in der Regel zu sagen haben und wie dilettantisch viele – ich denke da besonders an das Gros der Installateure und Video-Amateure – ihr Anliegen vorbringen.

Ein Aspekt darf in Ausführungen über das Mittelmaß als das Maß aller Dinge nicht unerwähnt bleiben: der Kommerz- und Mediensumpf im Einzuggsbereich der Kunstszene, der sicher keinen geringen Anteil daran hat, dass es den Künstlern so schwer fällt, aus dem eingefahrenen Trott auszubrechen . Permissivität und Beliebigkeit lassen auch die “Kunst-Szene” zu Spielwiese und Müllhalde verkommen. Die Parallelen zum Erscheinungsbild des Internet sind sicher nicht zufällig, gehorchen doch beide ähnlichen Gesetzmäßigkeiten.

P.S.:Die Illustrationen zu diesem Text stammen aus einer “spät-modernen Phase” meiner Werke.