Public Display of Affection. Der Ursprung des Kunstwerkes.

 

Alles, was der Künstler macht, ist Kunst.
Alles, was der Schuhmacher macht, sind Schuhe.
(sprachphilosophisches Axiom)

Philosophen wollen immer alles ganz genau wissen, es besser wissen als andere, und dabei tun sie so, als ob sie alles wissen. So zum Beispiel J.D. in ‘La verité en peinture’, wo er sich nach dem Vorbild des von ihm hochverehrten Heidegger mit van Goghs alten Schuhen herumschlägt. Was für ein haarsträubender Aufwand, um festzustellen, was der Maler mit diesen Schuhen angestellt hat! Als ob es nicht a priori klar ist, dass der Meister kein Schuster, sondern ein Maler war.

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Präsentation, Bleistift und Farbkreide

Wenn ein Philosoph meint, auf diesem Wege herauszufinden, was Kunst ist, was in dem Künstler beim Malen vorgeht, was für Paraphernalien beim Schöpfungsakt eine Rolle spielen, ob das Bild ohne den Rahmen noch das gleiche ist oder gar, welche Bedeutung die Signatur des Künstlers für sein Werk hat, befindet er sich unter Umständen auf einem der bekannten Holzwege. Nach mühsamster Lektüre des besagten Buchs von Derrida komme ich zu dem Schluss, dass keine postmoderne Haarspalterei uns der Wahrheit einen Deut näher bringen kann! Es ist im übrigen auch kein Geheimnis, was Cézanne mit der “Wahr-heit” in der Malerei gemeint hat - man braucht nur die Briefe nachzulesen und seine Maltechnik zu studieren.

Nun habe ich den großen Vorteil vor einem Philosophen, selbst zu malen und über die Genese des einen oder anderen meiner Bilder ziemlich im Bilde zu sein. Was liegt näher, als ein eigenes Werk zu nehmen und darzulegen, wie es entstanden ist, z.B. das schöne Ölstück Public Display. Ich nehme das, weil es noch nicht so weit zurückliegt und ich mich einigermaßen erinnere. Wie das Bild zu seinem Titel kam, wäre Episode Nummer 1.

Allerdings muss vorher noch die zentrale Frage geklärt werden: Wissen Künstler überhaupt was sie tun? Beim streng systematischen Vorgehen ist diese Frage wichtig.Wenn jemand eine Kuh vom Himmel fallen und platzen lässt,so ist diese performatorische Provokation nichts anderes als ein etwas infantiler Akt des Bürgererschreckens, was der Urheber allerdings ganz anders sieht. Eher meint er, Bestürzung und Nachdenken zu erzeugen, tatsächlich macht er’s aber, um sich ins Gespräch und damit auch ins Geschäft zu bringen, auch wenn er es weder wahrhaben noch zugeben möchte.. Man kann ähnliche Wirkung genauso gut mit Anthrax-Päckchen, dem Verhüllen des Reichstags oder dem öffentlichen Schau-Schlachten eines Schweins erreichen. Der Tod des Stiers in einem Stierkampf ist nicht schön anzusehen, geht aber weit mehr zu Herzen als das alberne Kuh-Zerplatzen . Man hat seit einiger Zeit den Eindruck, einige etwas unbedarfte Künstler wetteifern mit den Reality Shows im Fernsehen, freilich ohne deren Einschaltquote auch nur annähernd zu erreichen.

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Bellini, Darbringung im Tempel

Kann in Zeiten, in denen die künstlerischen Optionen scheinbar grenzenlos sind, ein Maler sich auf das bloße Malen zurückziehen und sich Ideen und Vorlagen besorgen, wo sie sich anbieten, ohne dass sein Werk von vorneherein sich jeden künstlerischen Anspruchs begibt? Nehmen wir als Beispiel, wie oben vorgeschlagen, das Bild“Public Display of Affection”, das ursprünglich den Arbeitstitel “Präsentation” trug. Im Englischen Sprachgebrauch nennt man die “Darbringung im Tempel”, ein in der Renaissance sehr beliebtes Motiv, presentation. Es gibt in der Berliner Gemäldegalerie eine Darbringung im Tempel von Andrea Mantegna, die noch in ihrer Entstehungszeit von Mantegnas Schwager, nämlich Giovanni Bellini, imitiert wurde. Und beide haben mit persönlichen Zugaben an Familienmitgliedern und Selbstbildnissen nicht gegeizt, so dass wir es hier einwandfrei mit zwei geheiligten Familienbildern zu tun haben. Dass Mantegna der viel größere Maler war, leite ich aus der hervorragenden Marmoreinfassung seiner Szene ab und der Tatsache, dass er der Urheber der Bildidee war.

Als ich kürzlich per Zufall über dem Eingang eines Wohnhauses in Tübingen ein kleines Relief mit der Darstellung eines innig umschlungenen Paares entdeckte, stand das zentrale Motiv von “Presentation” fest, nämlich eben die öffentliche Zurschaustellung dieses Aktes, wie sie einem heute täglich in Film, Fernsehen und Theater begegnet.

Just zu dem Zeitpunkt, als ich das Relief entdeckte, wurde die Farce “The Shape of Things” aufgeführt mit der für mich äußerst überzeugenden Moral:”Vertraue nicht der Wahrheit in der Kunst. Kunst ist und war schon immer Betrug.” Der Bezug zu dem inzwischen in “Public Display” umbenannten Bild ist allerdings weit weniger philosophisch: Evelyn, die Kunststudentin, vergnügt sich in Labutes Stück des öfteren mit Adam. Und vor dem Bett lässt sie gleichzeitig eine Videokamera laufen. Das Band wird dann auf der Vernissage zu sehen sein, auf der sie Adam als ihr Kunstwerk präsentiert. Und wenn sie statt des Schlafzimmers einen öffentlichen Ort wie z.B. the men’s room wählen, nennt Adam das p.d.a. , Public Display of Affection. Daher der Titel.

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Circe, Ölskizze

Damit sind die Quellen allerdings noch nicht erschöpft. Es gibt da nämlich noch mein Homer-Projekt, eine Serie, die hundert Bilder kleinsten Formats umfassen soll, aber über die Nummer neun noch nicht hinausgekommen ist. Vorrangig geht es um Odysseus, den bewundernswerten Helden, der trotz unglaublicher Missgeschicke und Schicksalsschläge sich nicht entmutigen lässt. Formal ist es der Versuch, im kleinen Format Bilder zu erfinden, die keine Illustrationen sind.

Lange habe ich überlegt, wie ich Homers nachhaltigen Hinweis, dass Circes Lager der Dreh- und Angelpunkt von Odysseus’einjährigem Verweilen ist, zum Ausdruck bringen soll. Da Circe in der ganzen Affäre die treibende Kraft ist, sollte sie natürlich auch entsprechend platziert werden. Optisch kann diese Dominanz allerdings leicht ironisch wirken. Daher war ich überglücklich, als ich die Tübinger Tonscherbe entdeckte, und habe eine zweite Fassung gemalt: Odysseus und Circe auf dem Lager in inniger Umarmung.

Die ursprüngliche Konstellation war nun auch wiederum nicht meine Erfindung, sondern fußt auf einem Videoclip zu dem populären Lied “Stutter” von Joe & Mystikal, das ungefähr folgenden Inhalt hat: Ein etwas müde wirkender Mann wird furchtbar wütend, als die von ihm vernachlässigte Frau sich in einem schäbigen Motel an einem anderen Mann schadlos hält. In der entscheidenden Szene, als der riesige Reklame-Emu des Motels umkippt und jemand mit einer Art Blasrohr ein altes Auto in die Luft sprengt, steigt “Circe” in Minisequenzen, die in dezenter Kürze eingeblendet werden , auf Odysseus’ Lager. Dass es in dem Clip zwei Sprecher und zwei Spaßmacher gibt, die den Vorgang begleiten und kommentieren, erhöht die poetische Dichte des Ganzen. Dieser hervorragende Videoclip, auf dem wir nicht nur Odysseus und Circe in Aktion, sondern auch Joe und Mystikal begegnen, ist ein echtes Kunstwerk!

Der Marmorrahmen ist meiner Meinung nach die reifste Leistung in meinem Bild. Ich habe mir dabei besondere Mühe gegeben. Der erste Versuch, eine schön gemaserte Marmorfliese aus dem Bauhaus zu erstehen, scheiterte daran, dass die etwas besser marmorierten Exemplare nicht als Einzelstücke abgegeben werden. Und, was soll ich mit einem Satz Marmorfliesen anfangen? Da war es schon erfolgreicher im Internet das Suchwort “marble” einzugeben, was dazu führte, neben einer Auswahl hübscher Murmeln die herrlichsten Muster aus den berühmtesten spanischen, italienischen und griechischen Steinbrüchen zu erhalten. Die ähneln übrigens verblüffend vielen Spielarten des Informel der 50er Jahre!

Nachdem wir nun die Herkunft der Elementarteilchen des Werks gründlich beschrieben haben, frage ich mich, ob der Ursprung des Werkes geklärt ist, oder er weiter im Dunkeln liegt. Natürlich kann große Kunst nicht auf so profane Weise entstehen – aber was ist schon große Kunst! Vielleicht kann uns hier der Philosoph weiterhelfen, der feststellt, dass man diejenigen Künste, die Kunstwerke hervorbringen, die Schönen Künste nennt, “im Unterschied zu den handwerklichen Künsten, die Zeug verfertigen”:
Kunst-Handwerk – dummes Zeug!

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